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Die Frage, die Schillers Jüngling nicht aushält

Veröffentlicht: · Aktualisiert: · 4 Min. Lesezeit

Schillers Ballade beginnt mit einem Ehrgeiz und endet mit einem Schweigen. Ein Jüngling reist nach Sais im Nildelta, arbeitet sich in kurzer Zeit durch mehrere Grade der Priesterlehre und stellt dann die Frage, die alles auslöst. Der Übungstext auf dieser Seite umfasst 495 Zeichen und reicht genau bis zu dieser Frage.

Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst Nach Sais in Ägypten trieb, der Priester Geheime Weisheit zu erlernen, hatte Schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt

Friedrich Schiller, Das verschleierte Bild zu Sais, 1795.

Worum geht es in der Ballade?

Um Ungeduld. Der Hierophant, also der oberste Priester, kann den Strebenden kaum beruhigen, und der Jüngling fragt zurück, was er denn habe, wenn er nicht alles habe. Für ihn gibt es bei der Wahrheit kein Weniger und Mehr, keine Summe, die man größer oder kleiner besitzen kann.

Sais war eine Stadt im Nildelta und galt in der Antike als Ort der Geheimlehre. Schiller braucht diesen Ort, weil dort ein verhülltes Standbild steht und weil das Orakel dazu einen Satz gesprochen hat, der die ganze Handlung in Gang bringt.

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Wie geht die Geschichte aus?

Schlecht, und Schiller sagt selbst nicht genau wie. Der Orakelspruch lautet, dass kein Sterblicher den Schleier rückt, bis der Gott ihn selbst hebt, doch derselbe Mund fügt hinzu: wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen. Der Jüngling hört den zweiten Satz und nicht den ersten.

Nachts steigt er über die Mauer, springt in das Innere der Rotonde und hebt den Schleier. Am nächsten Tag finden ihn die Priester besinnungslos und bleich am Fußgestell der Isis. Was er gesehen hat, hat seine Zunge nie bekannt, seine Heiterkeit war dahin, und ein tiefer Gram brachte ihn früh ins Grab. Sein warnendes Wort blieb: weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld.

Was beim ersten Lesen leicht untergeht

Der Text nennt nie, was unter dem Schleier war. Wer die Ballade als Rätsel liest und auf eine Auflösung wartet, wartet vergeblich, denn der Erzähler sagt ausdrücklich, er wisse es nicht. Der Stoff der Geschichte ist die Schuld, nicht das Bild.

Auffällig ist außerdem der Reimverzicht. Die Ballade steht im Blankvers, also in reimlosen Fünfhebern, wie sie im deutschen Drama üblich wurden. Dadurch klingt der Text mehr nach Bühne als nach Gedicht, und die wörtliche Rede kann mitten in einer Zeile beginnen, ohne dass etwas hörbar bricht.

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Was Sie üben, wenn Sie diesen Text schreiben

Anführungszeichen im Verssatz. Der Übungstext hat 495 Zeichen bei 78 Wörtern und ist damit der längste unserer vier deutschen Texte in dieser Reihe. Mitten darin öffnet die wörtliche Rede des Jünglings, und sie beginnt nicht am Zeilenanfang, sondern nach einem Punkt innerhalb der Zeile.

Dazu kommt die Großschreibung. Mit 8,0 Großbuchstaben auf 100 Zeichen ist der Text dicht besetzt, weil zu den Substantiven noch der Versanfang kommt. Das durchschnittliche Wort ist mit 5,1 Zeichen länger als in den anderen Texten dieser Gruppe, es gibt also weniger Leerzeichen und mehr durchgehende Buchstabenketten.

Satzzeichen liegen bei 3,2 auf 100 Zeichen, Umlaute bei 2,2. Wer den Blankvers zum ersten Mal abschreibt, sollte die Zeilenenden ignorieren und dem Satz folgen, sonst bricht das Tempo an jeder Zeile ein. Diese Gewohnheit behandeln wir auch im Text über das Zehnfingersystem.

AngabeWert
AutorFriedrich Schiller, 1759 bis 1805
Jahr1795
FormBallade im Blankvers
QuellenausgabeProject Gutenberg, Einige Gedichte
Zeichen495 im Übungstext, 78 Wörter
Stufemittel
ÜbtAnführungszeichen, Blankvers, Umlaute

FAQ

Wann schrieb Schiller die Ballade?

1795, in den Jahren seiner engen Arbeit mit Goethe. Sie erschien in einem der Almanache, die Schiller selbst herausgab.

Wo liegt Sais?

Im Nildelta in Ägypten. Die Stadt galt in der Antike als Ort der Geheimlehre, weshalb Schiller sie für diese Geschichte wählte.

Was war unter dem Schleier?

Die Ballade sagt es nicht. Der Erzähler antwortet auf genau diese Frage, er wisse es nicht, und der Jüngling hat bis zu seinem Tod geschwiegen.

Ist der Text schwer zu tippen?

Er gilt hier als mittel. Die Wörter sind lang, die Großschreibung kommt häufig, und die wörtliche Rede setzt Anführungszeichen mitten in die Zeile.

Darf man den Text frei verwenden?

Ja. Schiller starb 1805, der Text ist gemeinfrei, und unsere Fassung folgt der Ausgabe bei Project Gutenberg.

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Schreib ihn selbst, dann geh weiter

Der Anfang der Ballade wartet als Das verschleierte Bild zu Sais in der Textsammlung, mit Autor, Jahr und Quelle auf der Seite. Drei Texte liegen daneben. Das Mädchen aus der Fremde stellt ein zweites Rätsel desselben Autors, und wir haben es hier aufgeschrieben: Schillers Mädchen im Tal. Wald und Höhle aus Faust hat 453 Zeichen im selben Blankvers. An den Äther von Hölderlin ist mit 491 Zeichen der klanglich weichste der vier.

Quelle geprüft am 16. August 2026: der Text der Ballade in Einige Gedichte bei Project Gutenberg.

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