Zehnfingersystem: was es ist und wie es aufgebaut ist
Das Zehnfingersystem verteilt die 30 Buchstaben des deutschen Layouts, also 26 lateinische plus ä, ö, ü und ß, auf acht Finger in den Grundstellungen ASDF und JKLÖ, während die beiden Daumen ausschließlich die Leertaste bedienen. Der Name zählt die Finger, nicht die Tasten: zehn Finger, feste Zuständigkeiten, kein Blick nach unten.
Eine Taste, ein Finger
Der ganze Aufbau steht auf einer einzigen Regel. Jede Taste gehört genau einem Finger, und diese Zuordnung ändert sich nie, egal welches Wort gerade entsteht. Damit wird aus dem Suchen ein Greifen: die Hand muss nicht wissen, wo ein Buchstabe liegt, sondern nur, welcher Finger zuständig ist und in welche Richtung er geht.
Der Gewinn liegt weniger im Tempo als im Blick. Wer die Zuordnung sitzen hat, schaut auf den Text und nicht auf die Tasten, sieht Tippfehler in dem Moment, in dem sie entstehen, und muss nach jedem Satz nicht neu die Zeile suchen. Beim Abschreiben aus einer Vorlage ist dieser Unterschied größer als jede Zahl auf einer Uhr.
Die Grundstellung ASDF und JKLÖ
Die linke Hand liegt mit kleinem Finger, Ringfinger, Mittelfinger und Zeigefinger auf a, s, d und f. Die rechte Hand liegt auf j, k, l und ö. Auf einer deutschen Tastatur ist der rechte kleine Finger damit auf einem Buchstaben, nicht auf einem Satzzeichen, was den Unterschied zum englischen Layout ausmacht.
Diese Reihe heißt Grundreihe, weil die Finger nach jedem Griff dorthin zurückkehren. Der Rückweg ist der Teil, der beim Selberlernen am häufigsten wegfällt, und genau der hält die Ordnung aufrecht.
Die Wölbung auf F und J
Auf der f-Taste und auf der j-Taste sitzt eine kleine Erhebung oder Rille. Sie ist der einzige Orientierungspunkt, den das System braucht. Beide Zeigefinger finden diese Markierung ohne Blick, und aus diesen zwei Punkten ergibt sich die Lage aller übrigen Finger.
Praktisch heißt das: Hände auf die Tastatur legen, mit den Zeigefingern die Wölbungen suchen, die anderen Finger fallen von selbst auf ihre Tasten. Wer stattdessen jedes Mal hinsieht, um sich zu sortieren, verliert mehr Zeit als bei einem Tippfehler.
Die Reihen und die Richtungen
Über der Grundreihe liegt die obere Buchstabenreihe mit q bis ü, darunter die untere mit y bis Bindestrich, darüber die Zahlenreihe. Jeder Finger bedient in allen Reihen die Tasten, die schräg über und schräg unter seinem Platz liegen, und die Hand selbst bleibt dabei ruhig.
Die beiden Zeigefinger sind die Ausnahme: Sie übernehmen je zwei Spalten, weil in der Mitte der Tastatur mehr Tasten liegen als Finger. Der linke Zeigefinger deckt r, f, v und zusätzlich t, g, b ab, der rechte z, h, n und dazu u, j, m. Die vollständige Aufteilung samt Handhaltung steht bei der Fingerhaltung.
Die Daumen
Beide Daumen liegen entspannt über der Leertaste, gedrückt wird aber nur mit einem. Üblich ist der Daumen der schwächeren Hand, damit die stärkere für Buchstaben frei bleibt. Wichtig ist die Festlegung selbst: ein Daumen, immer derselbe, sonst bekommt das Leerzeichen einen eigenen kleinen Suchvorgang.
Großbuchstaben entstehen dagegen immer mit dem Shift der Gegenhand. Für ein großes A hält der rechte kleine Finger Shift, für ein großes L der linke. Diese Regel fühlt sich in den ersten Tagen unbequem an und ist der Grund, warum die Hände später in Position bleiben.
Was das System nicht ist
Blind schreiben und schnell schreiben sind zwei verschiedene Dinge. Das Zehnfingersystem ordnet die Bewegungen, es beschleunigt sie nicht von sich aus. In der ersten Woche liegt das Tempo unter dem, was mit zwei Fingern schon möglich war, weil jede Bewegung neu gebaut wird. Das ist der normale Verlauf und kein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft.
Ebenso wenig verlangt das System eine bestimmte Tastatur. Ob mechanisch oder flach, ob mit Nummernblock oder ohne: die Zuordnung bleibt dieselbe, solange die Grundreihe und die Markierungen auf f und j vorhanden sind.
Wie das Üben aussieht
Kurze Einheiten, oft wiederholt, sind der ganze Trick. Zehn bis fünfzehn Minuten täglich bauen Bewegungsmuster auf, zwei Stunden am Wochenende nicht. Sinnvoll ist eine Reihenfolge in Stufen: erst alle Tasten treffen, dann ohne Blick nach unten, dann Fließtext mit Satzzeichen und Großschreibung, danach Zahlen und Sonderzeichen. Ein Vorschlag für vier Wochen steht unter Tippen lernen in 30 Tagen, die Feinarbeit an Genauigkeit und Rhythmus unter blind schreiben lernen.
Für die Messung gilt derselbe ruhige Ton. Anschläge pro Minute und Wörter pro Minute sind zwei Einheiten für dieselbe Sache, und wie sie zustande kommen, steht unter Tippgeschwindigkeit messen.
Am Ende trägt das Üben leichter, wenn der Text selbst etwas hergibt. Immanuel Kant beantwortet 1784 in Was ist Aufklärung? Sapere aude die Titelfrage in wenigen Sätzen und einem lateinischen Zuruf, und dieser Anfang verlangt lange Wörter, klare Interpunktion und einen ruhigen Rhythmus. Er liegt mit Quelle und Jahr im Schreibtest.