Was Kleist an hölzernen Puppen bewunderte
Ein erster Tänzer der Oper geht immer wieder zu einem Puppentheater, das auf dem Marktplatz zusammengezimmert wurde. Aus dieser Verwunderung baut Heinrich von Kleist 1810 ein Gespräch von wenigen Seiten, das vom 12. bis 15. Dezember in vier Folgen der Berliner Abendblätter erschien. Zwei Abschnitte daraus liegen bei Keys&Type zum Abtippen.
Jede Bewegung, sagte er, hätte einen Schwerpunct; es wäre genug, diesen, in dem Innern der Figur, zu regieren; die Glieder, welche nichts als Pendel wären, folgten, ohne irgend ein Zuthun, auf eine mechanische Weise von selbst.
Heinrich von Kleist, Über das Marionettentheater, 1810.
Woher kommt dieser Text?
Die Berliner Abendblätter waren Kleists eigenes Blatt. Er gab sie heraus, sie erschienen bei Julius Eduard Hitzig in Berlin, und der Aufsatz stand darin im ersten Jahrgang an vier aufeinanderfolgenden Tagen. Eine Buchveröffentlichung zu Lebzeiten gab es nicht, der Text war Zeitungsstoff und blieb es zunächst. Der vollständige Wortlaut nach dem Erstdruck steht bei Wikisource, eine gut lesbare Fassung beim Projekt Gutenberg.
Kleist selbst wurde am 18. Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder geboren, wo heute das Kleist-Museum steht. Sein Geburtstag ist der Tag, an dem wir diesen Text im Kalender vorziehen.
Was steht in dem Gespräch?
Der Erzähler trifft einen Tänzer und fragt ihn, was ihn an Holzpuppen interessieren kann. Die Antwort dreht die erwartete Rangfolge um: der Tänzer sagt, ein Tänzer könne von diesen Puppen einiges lernen.
Seine Begründung ist technisch, nicht schwärmerisch. Wer eine Marionette führt, führt nach seiner Darstellung nur einen einzigen Punkt im Inneren der Figur, und die Glieder folgen als Pendel von selbst. Kein Glied hat einen eigenen Willen, keines ziert sich, keines schaut zu, wie es wirkt. Genau darin liegt für den Tänzer die Anmut: sie entsteht dort, wo kein Bewusstsein dazwischentritt.
Der Text stellt damit eine Frage, die weit über das Theater hinausreicht: warum eine geübte Bewegung leichter aussieht, sobald man nicht mehr über sie nachdenkt. Wer je blind schreiben gelernt hat, kennt den Punkt, an dem die Finger den Weg besser wissen als der Kopf.
Was sieht man auf den ersten Blick nicht?
Der Text ist kein Aufsatz mit Thesen, sondern ein Gespräch zwischen einem Erzähler und einem Tänzer. Diese Form ist der eigentliche Kunstgriff: Kleist behauptet nichts selbst, er lässt behaupten, und die Sätze stehen deshalb in der indirekten Rede.
Die zweite Beobachtung steckt in einem einzigen Buchstaben. Im Erstdruck steht Schwerpunct mit c, dazu Zuthun mit h. Beides war 1810 üblich, und beides bleibt beim Abtippen stehen, weil der Wortlaut der Vorlage folgt. Der Vergleich der Glieder mit Pendeln kommt aus der Mechanik und war zu Kleists Zeit ein moderner Gedanke, kein Bild aus der Dichtung.
Was üben Sie, wenn Sie diesen Text abtippen?
Beide Abschnitte sind als mittel eingestuft, üben aber Verschiedenes.
- Begegnung, 440 Zeichen: der ganze Absatz steht im Konjunktiv der indirekten Rede. Das bedeutet lange Sätze mit vielen Kommas und Formen wie wäre, hätte, könne, bei denen die Finger keinen Rhythmus aus kurzen Hauptsätzen bekommen.
- Der Schwerpunkt, 227 Zeichen: kurz, mit Semikolon und der alten Schreibweise Schwerpunct. Gut für einen sauberen ersten Durchgang, bei dem es auf Genauigkeit statt Tempo ankommt.
Der Konjunktiv ist dabei mehr als eine Grammatikform. Er hält den ganzen Absatz in der Schwebe, weil jeder Satz auf ein vorangestelltes sagte er zurückgeht, und er bringt Wortformen mit, die im Alltag selten getippt werden: hätte, wäre, folgten, könne. Beim zweiten Durchgang fällt vor allem die Zeichensetzung auf, denn die Kommas stehen hier nicht am Satzende, sondern mitten im Gedanken.
Das Semikolon ist dabei die interessanteste Taste: auf der deutschen Belegung liegt es auf der Komma-Taste mit Umschalt, also unter dem rechten Mittelfinger mit der linken Hand als Partner. Wie diese Aufteilung zustande kommt, steht beim Zehnfingersystem.
| Angabe | Wert |
|---|---|
| Autor | Heinrich von Kleist |
| Jahr | 1810 |
| Form | Aufsatz als Gespräch, in vier Zeitungsfolgen |
| Ausgabe | Berliner Abendblätter, 1. Jahrgang, 12. bis 15. Dezember 1810, Verlag Julius Eduard Hitzig, Berlin |
| Zeichen im Schreibtest | 667 in zwei Abschnitten |
| Stufe | mittel |
| Übt | Konjunktiv der indirekten Rede, Kommaketten, Semikolon, alte Schreibungen |
FAQ
Wo ist der Aufsatz zuerst erschienen?
In den Berliner Abendblättern, der Zeitung, die Kleist selbst herausgab, vom 12. bis 15. Dezember 1810 in vier Folgen.
Warum steht im Text Schwerpunct mit c?
Weil der Wortlaut dem Erstdruck von 1810 folgt. Die Schreibung mit k setzte sich erst später durch, ein großer Teil der heutigen Formen mit der Rechtschreibreform von 1901.
Ist der Text schwer zu lesen?
Er ist kurz, aber die Sätze sind lang und stehen streckenweise in der indirekten Rede. Wer ihn abtippt, liest ihn zwangsläufig langsam, und das hilft mehr als jede Zusammenfassung.
Welcher Abschnitt eignet sich zum Anfangen?
Der Schwerpunkt mit 227 Zeichen. Er enthält den technischen Kern in einem einzigen Satz.
Was hat ein Puppentheater mit Tippen zu tun?
Beides lebt von Bewegungen, die ohne Aufsicht des Kopfes ablaufen. Kleist beschreibt das an Fäden und Pendeln, beim Schreiben heißt dasselbe Blindschreiben.
Womit machen Sie weiter?
Der Anfang des Gesprächs steht im Schreibtest Begegnung, der Satz über den Schwerpunkt im Abschnitt Der Schwerpunkt.
Danach passen zwei Texte aus derselben Zeit und in ähnlichem Ton: Eichendorffs Aufbruch in die weite Welt von 1826 und Chamissos Morgen am Gebirge von 1814. Alle Abschnitte im Schreibtest stehen mit Autor, Jahr und Quelle da.
Die Angaben zu Erstdruck, Datum und Wortlaut sind am 16. August 2026 bei Wikisource und beim Projekt Gutenberg geprüft worden.
