Durchschnittliche Tippgeschwindigkeit: welche Zahl wirklich etwas sagt
Eine Stellenanzeige, die 10 000 Anschläge pro Stunde verlangt, verlangt rund 167 Anschläge pro Minute und damit etwa 33 Wörter pro Minute. Dieselbe Anforderung klingt in der einen Einheit gewaltig und in der anderen alltäglich. An dieser Stelle gehen die meisten Vergleiche schief, lange bevor jemand die Hände auf die Tastatur legt.
Drei Einheiten für eine Tätigkeit
Im deutschsprachigen Raum wird das Tempo in Anschlägen gezählt, international in Wörtern pro Minute. Ein Wort gilt dabei als fünf Zeichen einschließlich Leerzeichen, weshalb die Umrechnung reine Multiplikation bleibt und keine Schätzung ist.
- 150 Anschläge pro Minute sind 30 Wörter pro Minute und 9 000 Anschläge pro Stunde.
- 200 Anschläge pro Minute sind 40 Wörter pro Minute und 12 000 Anschläge pro Stunde.
- 250 Anschläge pro Minute sind 50 Wörter pro Minute und 15 000 Anschläge pro Stunde.
- 300 Anschläge pro Minute sind 60 Wörter pro Minute und 18 000 Anschläge pro Stunde.
Eine Zahl ohne Einheit sagt deshalb nichts. Derselbe Mensch erreicht im selben Durchgang 250 oder 50, je nachdem was gezählt wird, und die größere Zahl gehört nicht zum besseren Ergebnis. Wer Werte aus zwei Quellen nebeneinanderlegt, prüft zuerst die Einheit und danach die Dauer.
Fünfzehn Sekunden sind kein Arbeitstempo
Die Länge eines Durchgangs verschiebt das Ergebnis stärker als fast alles andere. Fünfzehn Sekunden reichen für einen Schub auf vertrauten Wörtern: die Hände laufen an, die Aufmerksamkeit hält ohne Mühe, ein einzelner Fehler fällt kaum auf. Über sechzig Sekunden kommen zwei Dinge hinzu, die einen Schub von einem Arbeitstempo trennen, nämlich die Erholung nach einem Fehler und der Moment, in dem die Konzentration nachlässt.
Die Läufe über 15 Sekunden im Schreibtest sind daher dazu da, mit anderen Läufen über 15 Sekunden verglichen zu werden, nicht mit Ihrem eigenen Wert über eine Minute. Notieren Sie beides getrennt, dann haben Sie zwei brauchbare Zahlen. Vermischen Sie beides, dann zeigt Ihre Kurve nur, wie lang der jeweilige Durchgang war.
Genauigkeit verschiebt das ganze Bild
Rohes Tempo zählt jeden Anschlag, auch den falschen. Die verbreitete Netto-Rechnung zieht für jeden stehen gelassenen Fehler ein Wort pro Minute ab, und dadurch verändert sich das Ergebnis erheblich. Wer in sechzig Sekunden 300 Zeichen tippt, hat 60 Wörter pro Minute roh; bleiben sechs Zeichen falsch stehen, sind es netto 54.
Korrekturen wirken anders als Fehler. Ein mit der Rücktaste behobenes Zeichen kostet die zusätzlichen Anschläge und die Pause davor, taucht aber in der Fehlerzahl nicht auf. Es drückt das Tempo also über die Uhr, nicht über die Genauigkeit, und genau deshalb sieht ein Ergebnis mit 99 Prozent Genauigkeit manchmal langsamer aus als ein hektischer Lauf mit 92 Prozent, obwohl der fertige Text hinterher weniger Arbeit macht.
Zwei Werte gehören immer zusammen genannt. Sechzig Wörter pro Minute bei 99 Prozent bedeuten in der Praxis etwas völlig anderes als derselbe Wert bei 90 Prozent, weil im zweiten Fall auf 300 Zeichen dreißig Korrekturen warten.
Was in Anzeigen steht, und wie man es liest
Angaben in Anschlägen pro Stunde stammen aus der Zeit der Schreibmaschinenprüfungen und halten sich in der Sachbearbeitung, weil dort ganze Arbeitstage geplant werden. Die Umrechnung entzaubert sie zuverlässig: 10 000 sind etwa 33 Wörter pro Minute, 12 000 sind 40, 15 000 sind 50. Welche Schwelle für eine konkrete Stelle gilt, steht ausschließlich in ihrer Anzeige, und häufig steht dort neben dem Tempo eine Mindestgenauigkeit.
Für die Vorbereitung ist das eine gute Nachricht, weil sich beide Zahlen einzeln prüfen lassen. Wie ein solcher Test im Verfahren abläuft, steht im Beitrag über den Schreibtest für Bewerbungen; für Zahlenkolonnen gilt eine eigene Rechnung, die der Beitrag über den Nummernblock aufmacht.
Der Text zählt mit
Vorauslesen ist Teil der Schreibgeschwindigkeit, deshalb kostet ältere oder formalere Sprache Wörter pro Minute, obwohl die Finger dieselbe Arbeit tun. Das Märchen Der süße Brei läuft in ruhigem Ton durch, Kants Frage nach dem aufgeklärten Zeitalter bremst dagegen an langen Einschüben und dichter Zeichensetzung. Zwei Ergebnisse aus denselben sechzig Sekunden können deshalb zehn Wörter pro Minute auseinanderliegen, ohne dass sich am Können etwas geändert hat.
Auch die Tastatur mischt sich ein. Nach einem Wechsel des Geräts oder des Layouts lohnt vor dem Messen ein Blick in den Tastaturtest, damit eine hakende Taste nicht als Tempoverlust gedeutet wird. Wie die Finger dabei liegen sollten, behandelt der Beitrag über das blinde Schreiben.
Warum hier kein Landesdurchschnitt steht
Ein Mittelwert für ein ganzes Land wäre nur so gut wie seine Erhebung: gemessen an wem, über welche Dauer, auf welchem Text, mit welcher Genauigkeitsregel. Solche Angaben kursieren zahlreich und tragen ihre Herkunft selten mit. Wir messen keine Bevölkerung, also nennen wir auch keine Bevölkerungszahl. Was der Schreibtest liefert, sind Ihre eigenen Werte über 15, 30 und 60 Sekunden, dazu Anschläge pro Minute und pro Stunde, und die bleiben im Browser Ihres Geräts.
Zum Ausprobieren empfiehlt sich ein Text, der von sich aus trägt. Der süße Brei der Brüder Grimm aus der Ausgabe von 1857 ist eines der kürzesten Märchen der Sammlung und erzählt von einem Töpfchen, das weiterkocht, weil das Wort zum Aufhören fehlt. Danach lohnt der Vergleich mit Universalgeschichte, Anfang der Rede, Friedrich Schillers Antrittsrede von 1789 und ein einziger Satz mit sechs Kommas, an dem Sie genau sehen, wie viel die Textsorte an Ihrer Zahl bewegt.